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27 Juni 2015

Singen, Spielen, Tanzen - eine Bildungsleistung

 Singen, Spielen, Tanzen - eine Bildungsleistung

Den Schulen geht die Muse flöten – über die Hintergründe dieser Aussage wurde am 6.Mai im `STANDARD´ berichtet. Zitat: `...Wissenschaftlich gesehen wären die wichtigsten Schulfächer Musik, Sport, Theaterspielen, Kunst und Handarbeiten. Das findet zumindest die Hirnforschung...´.

Dieses Zitat wirft eine sehr wichtige Frage auf: Warum spiegeln sich diese Erkenntnisse nicht in der inhaltlichen Aufteilung der mit `Lernen´ verbrachten Zeit an den Schulen wider? Die Stundenreduktion für Musik in den Lehrplänen der pädagogischen Hochschulen zeigt, dass sich das Schulsystem von der Position der Hirnforschung entfernt. Als Bildungsleistung findet Musik nicht in gleicher Weise Anerkennung wie es andere Hauptfächer für sich in Anspruch nehmen können.

Bildungscampus | Warum läge vorausschauend eine große Chance darin, Musikschulen und Volkschulen stärker unter dem Aspekt des `Bildungscampus´ zu denken? Im Musikunterricht der Volksschulen steht nicht die Instrumentalpädagogik in Form der Einzelbetreuung im Zentrum der Auseinandersetzung. Kinder sollen idealerweise mit dem, was sie an instrumental- und gesangstechnischen Fertigkeiten bereits mitbringen, ihr musikalisches Handeln als Teil des `Gesamtkunstwerks´ erleben können. Die sinnzusammenhängende musikalische Handlung innerhalb eines mit positiven Gefühlen besetzten sozialen Gefüges ist für Kinder, unabhängig davon, welchen Stellenwert die Musik im späteren Leben einmal einnehmen wird, von entscheidender Bedeutung. Die durch diese Arbeit herbeigeführten emotionalen Erfahrungen haben ein nicht hoch genug einschätzbares Potenzial, um Kompetenzen wie musikalisches Fühlen, musikalisches Denken und musikalisches Handeln zu erlernen. Diese Erfahrungen – positive Emotion mit und durch Musik im vertrauten Umfeld – sind ein Schlüssel zur persönlichkeitsbildenden Wertschöpfung für diese Gruppe der künftigen Leistungsträger unserer Gesellschaft. Die dabei geltenden Prinzipien unterscheiden sich von Zielsetzungen wie schneller, höher, weiter, lauter und Erster zu sein sehr deutlich. Es geht im weitesten Sinne um das Erlernen der Fähigkeit des empathischen Handelns, verknüpft mit der musikalisch-künstlerischen Auseinandersetzung.

Gelebter Wert `Musik´ | Die in der öffentlichen Diskussion vorgebrachte Argumentation für Investitionen in die Musikbildung lautet tendenziell: Musik macht intelligenter und fördert auch die Leistungsfähigkeit in anderen, außermusikalischen Disziplinen. Man kann sich den Eindruck nicht erwehren, dass eingesetzte Mittel für Bildungsleistungen in der Musik scheinbar nur mehr durch günstige `Nebenerscheinungen´ für Außermusiklisches zu rechtfertigen sind. Wenn man in einem - die Musik huldigenden - Land, mit einer historisch belegten und weltweit geschätzten Musikgeschichte die Vermittlung und Weiterentwicklung dieses historischen Vermächtnisses nur mehr durch den Verweis auf den Mehrwert, den man dabei für Anderes erzielen kann plausibel machen kann, weil der Wert offenbar nicht mehr im ureigenen musikalisch- künstlerischen Selbst erkannt und wertgeschätzt wird, dann muss man sich fragen, warum es zu dieser Entwicklung gekommen ist. Die Disziplin `Musikvermittlung´ ist mittlerweile ein Hauptgegenstand in universitären Lehrgängen und große Konzerthäuser veranstalten eigene Musikvermittlungsprogramme für Kinder durch die man sich verspricht das Publikum der Zukunft heran zu bilden.

Die Verfügbarkeit von effektvoller Freizeitbeschäftigung in einer `Event-Kultur´ hat sich einhergehend mit der gesellschaftlichen und medientechnologischen Entwicklung stark ausgeprägt. Dem gegenüber steht, trotz musikpädagogischer Entwicklungen, ein tendenziell klassisch konserviertes und solides Musikvermittlungsmodell mit Einzelunterricht in der Instrumentalpädagogik. Musikalische Erlebnisräume für das gemeinschaftliche Musizieren kommen in der Laufbahn von Musikschülerinnen und Schülern oft nur sehr spät zum tragen. Der Lebensraum `Familie´ hat sich insofern geändert, als dass gemeinschaftliches Musizieren innerhalb der Familie immer seltener wird. Die logistische Hürde, Kinder ein bis zwei Mal pro Wochen in eine Musikschule zu bringen, wird nur von hoch motivierten Eltern bezwungen und bedarf bei zwei odere mehreren Sprößlingen ein großes organisatorisches Geschick.

Mit einer entsprechend vernetzten Bildungsarbeit (Pflichtschule/Musikschule) kann die Entwicklung bei Kindern in der frühen Instrumentalausbildung mit dem wichtigen Aspekt der Motivation nachhaltig aufgewertet werden. Überzeichnet formuliert: Das Motiv zum oft jahrelangen Üben, um `später einmal´ in einem Ensemble mitwirken zu können, wird ersetzt durch die Beschäftigung mit dem Instrument, um den wichtigen Beitrag im `Hier und Jetzt´ für das gemeinsame Ziel zu leisten. Der gleichlautende Auftrag im Musikunterricht an den Volksschulen und Musikschulen, den jungen Menschen Musik als gelebten Wert zu vermitteln, sollte auch in der aktuellen Bildungsdiskussion zum Anlass genommen werden, um über mögliche Vernetzungsmodelle und die darin verborgenen Chancen nachzudenken.